Überwintern

Winterwonderland am Steg

Überwintern auf dem eigenen Boot: Das klingt nach Alleinsein und Enthaltsamkeit. Tatsächlich müssen Bootsbewohner nichts entbehren – nicht einmal die Gesellschaft guter Nachbarn. Auf der Maleika Werft im Hohentorshafen haben sich 17 Menschen auf ganz unterschiedlichen Yachten auf die Überwinterung eingerichtet.

Winterwohnanlage im Fahrstuhl der Gezeiten. (Foto: Kölling)

Winterwohnanlage im Fahrstuhl der Gezeiten. (Foto: Kölling)

Und sie sind dabei zu einer Gemeinschaft gewachsen, in der jeder jedem im Alltag hilft. Elke Maleika kommt über die steile Gangway Richtung Hafenkante hochgeklettert. Werfthund Amigo bellt vorweg und versperrt mit seinen dreißig Zentimeter Stockmaß den Weg auf dem schmalen Holzgang in schwindelerregender Höhe. Eine lebende Alarmanlage für die Schiffe. Amigo beruhigt sich erst, als Frauchen freundlich mitteilt: „Ich habe einen Termin in der Stadt und bin nicht dabei. Aber die anderen warten schon auf Holgers ‚Fuchur‘ da vorne. Der hat auch schon Tee gemacht.“ Da vorne, das ist jetzt bei Niedrigwasser zehn Meter tiefer. Eine Wohnanlage im Fahrstuhl der Gezeiten mit einer steilen Gangway Richtung Land. Noch einmal Klettern durch das Cockpit des Zwölf-Meter-Stahlschiffes, einer weißblauen Reinke S 11. Unten im Schiff wird es warm: Holger Peterson hat Kerzen angezündet, auf dem Salontisch stehen Teetassen aus Porzellan. Auf weichen grünen Polstern sitzend kann man aus der hohen Fensterreihe in den winterlichen Hafen schauen. Es wird Gebäck gereicht und zum Schwarzen Tee der Tropfen Sahne. Bootsbesitzer Holger Peterson ist ein Verfechter der Idee vom Wohnen auf dem Wasser: „Wenn man ein paar Dinge beachtet, dann fehlt einem gar nichts auf einem Boot im Winter. Unser Leben unterscheidet sich eigentlich nicht allzu sehr von dem der meisten Menschen.“
Tatsächlich sitzen im Salon der „Fuchur“ ein Beamter, ein Lehrer, ein Student und ein Rentnerehepaar. Aber all ihre Leben sind seit Jahren mit ihren Booten und dem Wasser eng verknüpft: Der Germanistikstudent im ersten Semester, Leo Maleika, ist gerade von einer Umrundung der Balearen aus dem Mittelmeer zurück und hat mit seinem Neun-Meter-Segelboot vom Typ Emka 29 schon einmal in Spanien überwintert (der Sportschipper berichtete). Elina und Hartmut Hecht haben auf ihrem niederländischen 11-Meter-Motorsegler gerade hunderte Schleusen auf dem Kanal-Weg vom Mittelmeer nach Bremen gemeistert. Sie wollen hier den Winter in der Nähe ihrer Enkelkinder verbringen. Zehn Winter leben sie schon auf ihrem Stahlschiff. Holger Peterson zieht seit 2010 das Bootsleben vor.
Der Lehrer Raphael Hampf hat seine Anschrift jetzt auf einem elfeinhalb Meter langen Segelboot, weil er einfach keine bessere Alternative an Wohnung für 500 Euro findet. Das Erbstück ist eine Southerly 105: „Man guckt sich Sachen an und denkt sich: Da wohne ich jetzt aber schöner und lässt es wieder. Und an Bord habe ich immer kleine Projekte zu erledigen: Wenn ich dann den Heizstab repariert habe, fühlt sich das besser an, als wenn ich als Lehrer eine Stunde mit den Händen in der Luft herumfuchtele.“
Leo Maleika lebt mit knapp neun Metern Schiffslänge im Vergleich auf dem kleinsten Boot. „Ich habe nach der langen Reise viel Ausrüstung über den Winter an Land verstaut und meine Inneneinrichtung eher etwas aufwändiger gestaltet.“ Selbst ein Miniweihnachtsbaum steht bei ihm auf dem Tisch. In den Monaten vorher hat er ohnehin gelernt, sich bei ganz anderen Bedingungen ohne Beulen an Bord zu bewegen. „Leo hat doch riesig viel Platz. Wir sind zu zweit und mit Hund mal mit 7,60 Metern unterwegs gewesen“, meint der gebürtige Bremerhavener Hartmut Hecht. Er und seine aus Finnland stammende Frau Elina sind seit mehr als fünfzig Jahren verheiratet. Elina Hecht: „Man lernt auf engem Raum miteinander umzugehen. Steht der andere einem mal im Weg, wird er liebevoll zur Seite geschoben.“
Holger Peterson deutet durch seine „Fuchur“: Einen Tritt tiefer schließt sich an den hellen Salon eine echte Küchenzeile an, dann kommt rechts ein Bad und vorne eine kuschelige Koje in V-Form: „Und ein Boot hat ja immer auch noch mehrere Ebenen: Oben noch das Deck, auf dem man sich aufhalten kann und meist ja auch noch ein Cockpit, das sich mit einem Zelt zuziehen lässt.“ Das sei viel komfortabler als ein Wohnmobil, zumal man das Wasser aus dem Spülbecken einfach in den Hafen ablaufen lassen könne. Für diese Jacht und dieses Leben hat er sein Haus verkauft: „Ich lebe heute mit meiner Frau an 300 Tagen im Jahr auf dem Boot.“ Der Hafenschnack will gepflegt werden: 17 Menschen wohnen insgesamt an der Werft-Steganlage im Hohentorshafen. Der Winter ist ein großes Thema. Hartmut Hecht: „Der Winter ist der große Lehrer. In den Vogesen sind wir einmal während der Fahrt im Eis steckengeblieben. Da macht man erst einmal gar nichts mehr und wartet einfach.“ Holger Peterson nickt:
„Einfrieren ist tatsächlich kein Problem. Das kann jedes Boot. Aber ab drei Grad ändert sich alles. Man muss ein Boot auch im Hafen immer heizen, weil sonst bei Minusgraden die Seeventile dreißig Zentimeter unter der Wasserlinie von innen kaputtfrieren können.“ Der passionierte Fotograf und Schreiberling hat das Thema von allen Seiten untersucht und dazu sogar ein Buch geschrieben: „Mein Boot ist mein Zuhause“ (ISBN 978-3-946014-38-6) erscheint in diesem Monat in dritter Auflage (der Sportschipper berichtete). Seine Steggemeinschaft liefert viel Stoff.
Leo Maleika erzählt von seinen Versuchen mit Heizgeräten, seine „Ronin“ warm zu bekommen: „Aber vorne im Schiff blieb es immer komplett feucht.“ Jetzt hat er eine Dieselheizung eingebaut, und schon stimmt das Raumklima. Peterson zeigt hingegen einen kleinen Würfel mit einem Keramikheizlüfter herum, auf den er als Hauptheizung schwört: „So auf rund einhundert Euro an Heizkosten für den Strom komme ich aber schon im Monat.“ Leo Maleika schafft auch achtzig Liter Diesel im Monat, wobei er den Kraftstoff angesichts seines begrenzten Tankvolumens immer noch in Kanistern zur Anlage karren muss. Hartmut Hecht lächelt: Er hat auf seinem Weltumsegler einen 2000-Liter-Dieseltank und schont so seinen Rücken.
Isolierung ist noch so ein Winterthema: Offener Stahl, Alu oder blanker Kunststoff ziehen die Feuchtigkeit ins Schiff, warnt Holger Peterson die Steggenossen. Jeder denkt sein Schiff durch. Elina Hecht: „Das werden die Bootsbauer bei uns schon ordentlich gemacht haben.“ Kleine Leckagen im Deck? Holger Peterson reicht einen Zauberdichtstoff herum, der alles wieder repariert. Die Themen gehen nie aus. „Noch einen Tee?“ Der Kandis geht zum zweiten Mal herum, doch von draußen nähert sich Gebrumm. Fast bei Niedrigwasser kommt ein kleines Motorboot in den Hafen. Raphael Hampf steht umgehend draußen parat, um dem Neuzugang die Leine abzunehmen. Ganz langsam gleitet das Boot in die Box. Wer jetzt noch unterwegs ist, der kann auch Boot fahren, meint Holger Peterson, und Raphael Hampf nickt nur: „Je einfacher das Segelrevier ist, desto mehr Idioten erlebst du. Die triffst du an der Nordsee nicht. Und auch hier im Hafen sind alle erfahrene Seesegler, von denen man immer noch etwas lernen kann und mit denen man seine eigenen Erfahrungen teilt.“
Wird es mal richtig kompliziert, haben die Bootsleute mit der Werft auch noch Fachleute einiger Gewerke um sich. Motorenleute, ein Persenningmacher und Bootsbauer sind direkt vor Ort. Und auch der ehemalige Werftbesitzer Roland Maleika ist für die Steggemeinschaft noch immer ansprechbar: Er lebt mit seiner Frau Elke auf einem vergleichsweise riesigen Motorboot von 15 Metern Länge in friedlicher Eintracht mit Sohn Leo nebenan. Silvester hat er für alle wieder Würstchen gegrillt. Jetzt geht es schon wieder um Pläne für die nächsten Reisen. Bis dahin strickt Elina Hecht Wollsocken, lernt Sprachen und malt Aquarelle. Die anderen tauschen Filme untereinander. Man könnte ja aber auch noch einmal jetzt gleich segeln gehen: Holger Peterson hat seine „Fuchur“ ohnehin lieber segelklar gelassen. Mit der Band seines Sohnes soll jetzt noch ein Video auf dem Wasser gedreht werden. Peterson: „Das muss man sich natürlich auch immer klarmachen: Man lebt auf einer Mobilie und kann immer einfach ablegen, etwa auch, wenn einem die Nachbarn mal nicht mehr gefallen.“ Er grinst in die Runde. Doch davon ist im Hohentorshafen nicht auszugehen, wie auch Hartmut Hecht lachend bestätigt: „Wir haben eher darüber nachgedacht, bei so vielen Leuten doch mal langsam einen Stegbürgermeister zu wählen. Wir werden ja langsam sesshaft.“ (Volker Kölling)

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Veröffentlicht am : 14.02.2017