WSA Außenbezirks Farge

Wasserwerker mit Bioqualitäten

Die Weser ist einer der am stärksten denaturierten und kanalisierten Flüsse der Welt. Doch die Männer und Frauen von der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung (WSA) des Bundes haben längst die Zeichen der Zeit erkannt: An der Arbeit des WSA Außenbezirks Farge kann man ablesen, wie sehr Naturbelange heute berücksichtigt werden, wenn Wasserbau angesagt ist.

Bei Niedrigwasser offenbart die Südspitze der Weserinsel Harriersand, dass hier eigentlich nichts natürlich ist: Selbst der Strand wird durch eine Unterwasserspundwand gesichert. (Foto: Kölling)

Bei Niedrigwasser offenbart die Südspitze der Weserinsel Harriersand, dass hier eigentlich nichts natürlich ist: Selbst der Strand wird durch eine Unterwasserspundwand gesichert. (Foto: Kölling)

Sven Wennekamp hat am Morgen von seinem Dienstzimmer im Betriebshof „Unterm Berg“ schon den Seeadler über dem Ufer der anderen Weserseite kreisen sehen: „Da ist richtig Zinnober bei den Wildgänsen, wenn der Kollege vorbeischaut“, lacht der 45-jährige Diplomingenieur und schnappt sich die Jacke für den Gang am Hafen entlang. Nur eine Klappschute ist da. Die anderen Spezialschiffe sind zur Wartung in der Werft: Die „Weserland“ und die „Weserplate“ haben jeweils 26 Meter Länge. Das Peilschiff „Nadir“ gehört auch zum Farger WSA-Außenbezirk, ebenso wie das 40 Meter lange sogenannte „Ufereinbaugerät Harriersand“. Wenn er die „Harriersand“ erläutert, spricht der Bauingenieur mit der Fachrichtung Wasserbau dann auch ganz schnell in nachvollziehbaren Begriffen. Es geht um ein Spezialschiff mit einem Bagger. Neben dem Hafen sieht es aus, als hätte das WSA das eigene Osterfeuer in Planung. Aber der Baumschnitt ist hier Baumaterial: „Unsere Vorväter haben so schon Wasserbau betrieben: Ein Holzpfahlgerüst wird in den Uferboden getrieben und die Büsche rödeln wir dort rein.“ Reingerödelt sei noch so ein spezielles Wasserbauwort, entschuldigt sich Wennekamp. Dieses versteht man, die halbleeren riesigen Kabelrollen erst bei Erläuterung. Die 38 Mitarbeiter in Farge müssen selbst in der Lage sein, auch mal eine Strom- oder Datenleitung neu zu installieren.
Die Wartung aller Seezeichen in ihrem Beritt ist Job der Farger. Wie viele das sind? Wennekamp hat sie nie gezählt: „Schauen Sie auf den Fluss: Alle 125 Meter sehen sie auf beiden Seiten des Fahrwassers Pricken – Holzstangen mit einem Kopf drauf. Auch das sind Seezeichen.“ Dann sind da kleinere und höhere Türme, die Leuchtfeuer, die den Weserschiffen den Weg im Strom ausweisen. Dazu Tonnen, ebenfalls ungezählte, ganz verschieden geformte und bemalte Wegweiser für die Nautiker an Bord. Direkt vor dem Hafen der Farger geht es rüber zu einem gelben Häuschen auf einem hohen Pfahl über der gurgelnden Weser: Ein Pegel. Das WSA ermittelt hier, welche Trübstoffe im Wasser sind, wie hoch der Wasserstand ist, wie groß die Strömung und wie hoch die Wassertemperatur.
Das Wasser läuft gerade über 50 Zentimeter tiefer ab als bei einem normalen Niedrigwasser. Den wirklich niedrigen Wasserstand will Sven Wennekamp nutzen, um ein paar Kilometer weiter vor der Weserinsel Harriersand das Vorzeigeprojekt seiner Außenstelle zu zeigen. Aber so schnell geht das nicht: Gerade über den Deich gerollt hält er alle paar hundert Meter seinen Wagen an und greift zum Fernglas. Der Mann ist Hobby-Ornithologe und kennt hier jeden Vogel, von der Nonnengans bis zum Gänsesäger: „Vogel- oder auch Pflanzenkundler nebenher zu sein, ist in unserem Beruf als Wasserbauer nicht schädlich. Wir haben doch inzwischen sehr viel mit Biologen und Naturschützern aus diesen Bereichen zu tun.“ Der Seitenarm der Weser hinter Harriersand etwa ist ein Projekt von fünf des „Blauen Bandes“ des Naturschutzbundes NABU, erläutert Wennekamp. Dabei sieht der Eingriff der Naturschützer erst einmal brutal aus: Das Schilf von den Uferseiten ist verschwunden. Bronzefarben nur blanker Uferschlick und auf dem breiten Bett des Weserarms weicher Schlick. „Die Weihnachtssturmfluten haben uns hier einmal geholfen und viel Sediment von hier fortgetragen. Der Arm drohte auf zwei Kilometern Länge vollkommen zu versanden.“ Das WSA hat ihn wieder freigebaggert, um den Weserarm als intaktes Tidenrevier für Fische und Pflanzen zu erhalten. Die Finte soll hier ihr Kinderzimmer behalten – eine geschützte Fischart. Das ist der Naturschutzteil. Aber Wennekamp und seine Kollegen mussten hier ohnehin eingreifen: „Nach den Sturmfluten ist Harriersand voll Wasser, und das läuft nur hier nach hinten ab. Kann es nicht abfließen, hat die Insel ein echtes Problem.“ Die Problemlösung ist auch gut für den Wassersport. Nur so bleibt die kleine Steganlage hinter Harriersand für Boote mit überschaubarem Tiefgang überhaupt von beiden Seiten anfahrbar – ein echtes Piratenversteck mitten in der Natur direkt bei der Brücke auf der „Festlandseite.“
Nach so einer Fahrt mit dem Fachmann für den Uferbau schaut man selbst auf scheinbar natürliche Ufer und Strände mit neuem Blick. Ein Beispiel: die Südspitze von Harriersand. Auch hier sitzen Wildgänse im Watt, Kormorane ziehen vorbei. Uferschilf wiegt sich im Wind. Die Inselspitze ist perfekt gerundet. Wennekamp macht klar, dass praktisch alle nicht beweglichen Teile dieses Bildes bei genauerem Hinsehen menschengemacht sind: Die Inselspitze ist umhüllt von einer Unterwasserspundwand. Die wiederum bekommt Halt von einer losen Steinschüttung. Das dunkle Ufergeäst und die Pfähle sind ebenfalls Befestigungen. Am Weserufer liegen lose Steine, die von anderen Befestigungswerken durch Wasserkraft buchstäblich hierher gerollt worden sind.
„Wir haben zu Beginn unserer Tätigkeit auch ganz weiche Materialien, wenn man mal mit den Pflanzungen von Strandhafer anfängt. Dann kommen Büsche und Bäume am Ufer, die mit ihrem Wurzelwerk für Festigkeit sorgen, dann Buhnen auf Pfahlrahmen, auf die wir die Büsche binden. Die schützen dort die Strände vor dem Wegspülen in die Fahrrinne“, erläutert Wennekamp. Dann erst kommt er zu losen Steinschüttungen, in Beton gegossenen Steinen, Spund- und Betonwänden. Über den Deichverteidigungsweg nähert sich ein weißer Pritschenwagen. Wennekamps Kollegen Ralf Flierbaum und Stefan Deichsel haben am Ufer gerade die Winterinspektion der Bäume am Weserufer beendet. Flierbaum: „Da lag ein Baum halb im Wasser. Den haben wir rausgezogen, und an einen müssen wir noch ran.“ Auf der Pritsche stehen Kettensägen, aber zum Holzhandel für den heimischen Kamin kommt es nicht. Flierbaum: „Wir lassen inzwischen Bäume eher liegen, weil sie Heimat für Insekten und Tiere werden können.“ Auf die Frage, ob sie eigentlich inzwischen alle Biobeamte geworden sind, antworten die Männer mit einem Lachen. Tatsächlich ist nur Wennekamp Beamter, der Rest seiner Crew besteht aus Angestellten des Bundes.
Weiter geht es Richtung Rader Siel, eingefasst von vorgegossenen Betonplatten auf einem Planum. Große Rechen sollen Bäume und massives Treibgut von den Sieltoren fernhalten. Sven Wennekamp: „Das System funktioniert vollautomatisch wie schon zu Zeiten unserer Vorväter und verbraucht überhaupt keinen Strom: Bei Wasser von außen schließen sich ganz einfach die Tore.“ In diesem Uferabschnitt der Weser werden sie in ein paar Jahren nicht mehr mit kleineren Flickereien an den Ufern zurechtkommen, fürchtet der WSA-Leiter von Farge. Sie kennen die Baujahre ihrer Befestigungen und haben einen Plan, was wann wo gemacht und erneuert werden muss.
Noch eine halbe Stunde bis zum Niedrigwasser in Vegesack, aber jetzt ist der Schaden an der Spundwand zwischen Lesum und Weser mit bloßen Augen vom Ufer aus zu sehen. Wennekamp: „Die Spundwände gammeln immer dort weg, wo der niedrigste Wasserstand ist. Das Weiße, was man dort sehen konnte, war kein Bewuchs. Da fiel das Licht von der anderen Seite durch, da haben wir das Weserwasser gesiebt.“ 40 bis 60 Jahre hält so eine Spundwand im Wasser, kalkuliert der Wasserbauer – je nach Belastung. Die Kunst sei es, sie bei Beginn der Ersatzmaßnahme gerade noch so standsicher zu haben. Sven Wennekamp: „Die Spundwand war jetzt in jedem Fall reif. Die hätte keine zehn Jahre mehr gestanden.“ (Volker Kölling)

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Veröffentlicht am : 01.04.2017