Was schwimmt denn da?

Bundestreffen der Amphicars: Halb Auto, halb Boot

Sie sind halb Boot und halb Auto und eine Erfindung der 60er Jahre. Das sieht man allein schon an den typischen Heckflossen. Zum Bundestreffen schwimmen 17 sogenannte Amphicars in Geschwaderfahrt die Lesum und dann die Weser bis Motzen hinunter. Das Wasser ist glatt. Doch der Regen ist stark. Die Cabriodächer bleiben geschlossen - damit keiner am Ende durch Wasser von oben absäuft.

„Schulschiff Deutschland“ mit Freischwimmern: Das Boot der Wasserschutzpolizei begleitet die Amphicars. (Foto: Kölling)

„Schulschiff Deutschland“ mit Freischwimmern: Das Boot der Wasserschutzpolizei begleitet die Amphicars. (Foto: Kölling)

Darf man mal mitfahren? Treff-Organisator Alfred Harmening windet sich beim Anruf tags zuvor geradezu am Hörer. Da ist es wieder: Eines der Urprobleme dieses sehr unorthodoxen Fahrzeugs sind seine sehr kleinen Abmessungen und seine sehr geringe Zuladung. Harmening: „Hinten kann wirklich gerade mal ein Kind sitzen. Da werden Sie kaum hineinpassen. Und wenn sie dann auch noch fotografieren wollen...“ Dabei wiegt der kleine Schwimmwagen von 4,30 Metern Länge und schmalen 1,56 Metern Breite schon ohne Besatzung über eine Tonne. Bis zur Serienreife wurden immer weiter Extras hineingebastelt, bis das Konstrukt einen Preis von damals sagenhaften 11.800 Mark hatte: Ein Kleinwagen, teuer wie ein riesiger Opel Admiral. Und gerade mal 300 Kilo Zuladung hat das Fahrzeug, während man im Opel noch heute mit der ganzen Familie Feste feiern kann.
Die Größe war also immer schon ein Problem. Auch zu den Zeiten um 1957, als Konstrukteur Hanns Trippel einen Produktionsbetrieb für seine Entwicklung des Schwimm-Kleincabriolets suchte. Die autoverrückten Amerikaner sollten das Gefährt kaufen. Das veranlasste schließlich den Industriellen Harald Quandt, groß in das Projekt einzusteigen. Bei Quandts Firmenbeteiligung BMW weigerte man sich allerdings nach Prüfung des Konzeptes, diese Wanne mit Rädern zu bauen.
Quandt ließ schließlich in Lübeck bauen, wovon bis heute das Holstentor auf einigen der Lenkradembleme zeugt. Später wurde auch in Berlin produziert. Rund 3800 Stück seien insgesamt gebaut worden, weiß Amphicar-Enthusiast und Treff-Organisator Alfred Harmening: „Die meisten wurden in die USA exportiert. Da ist es schon erstaunlich, dass wir in Deutschland dann doch so viele zu einem Treffen zusammen bekommen.“ Rund eintausend Stück der bis 1967 gebauten Amphicars soll es weltweit wohl noch geben. Selbst Schauspieler Dan Akroyd hat welche.
Genug der Historie: Um 10.15 sind die Clubgefährte auf rollenden Reifen aus Hemelingen an der Slipbahn des Wassersportvereins Munte II an der Lesumbroker Landstraße angekommen. Es regnet Bindfäden, und doch klappt die Wasserung planmäßig. Die „Schulschiff Deutschland“ wird unberührt passiert: Wer von der Straße auf das Wasser kommt, muss sich kurz umstellen: Weil zwar das Steuerrad noch funktioniert und die Reifen auch im Wasser lenken, aber die Bremsen nicht mehr gehen. Wie sieht es mit Sportbootsführerscheinen See aus, die man hier eigentlich als Bootsführer haben muss? Alfred Harmening erzählt von der Sondergenehmigung für diese besondere Art von Clubfahrt, die er beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt in Bremen besorgt hat: „Da kommen ja doch sehr viele aus dem Binnenland. Woher sollen die einen Sportbootsführerschein See haben?“ Eine Auflage: Das Boot der Wasserschutzpolizei kümmert sich um den Schwarm der Autos im Wasser und erinnert regelmäßig an das Rechtsfahrgebot und die richtige Fahrtrichtung.
Mehrfach geht das Blaulicht an: Die Beamten bringen die schnellen Motorboote auf dem Fluß dazu, jetzt wirklich einmal wie vorgeschrieben jeden starken Wellenschlag zu vermeiden. Einige Amphicars liegen wirklich tief im Wasser. Die Vehikel biegen neugierig hinter der blauen Ampel des Polizeibootes rechts in den Vegesacker Hafen ein, um recht schnell wieder aus dem Spundwandgraben heraus zu kommen. Auf der Fähre nach Lemwerder steigen derweil die Autofahrer aus und lassen die Handykameras arbeiten. Der Tross formiert sich wieder, um schnell hinter der Fähre durchzufahren. Das Polizeiboot pflügt wie eine Mutterente vorneweg. Eine Ente, die einen sehr großen Tross sehr bunter Küken hinter sich im Schlepptau hat. In V-Formation geht es auf den Fähranleger Motzen dazu. Ava Liebert ist um zwölf Uhr die jüngste Beobachterin. Sie diktiert mal, was sie jetzt als Zeitungsreporterin schreiben würde: „Ich würde schreiben, dass die Autos sehr cool aussehen, dass ich da gerne einmal mitfahren würde, und dass es toll ist, dass es solche alten Autos überhaupt noch gibt.“ Okay, ist notiert. Aber da ist sie schon weg, um mit Papas Handy noch mehr Aufnahmen davon zu machen, wie die Amphicars aus dem Wasser kommen: Kurz vor der tiefen Kante des Fähranlegers geben alle noch einmal Gas. Zwölf Stundenkilometer kann so ein Amphicar durch das Wasser fahren. Und das tun sie, wenn sie Anlauf nehmen und mit rauschender Bugwelle ankommen. Ganz am Ende lassen die Fahrer dann die Räder mitlaufen und an Land werden die beiden großen Schiffsschrauben mit einem Knopf mal eben wieder ausgeschaltet. Alfred Harmening: „Wir fahren ganz normal aus dem Wasser raus. Da ist eigentlich nichts dabei.“ Der Mann hat sein Amphicar seit über zehn Jahren, da sieht man das so. Ava ist jedenfalls von den Socken, wie die Flotte da an Land rollt und wie frisch geputzt nass triefend Aufstellung nimmt.
Mit-Organisator Jens Lassmann erzählt, dass es gleich Richtung Yachthafen Hasenbüren über Land geht und dann im Neustädter Hafen wieder ins Wasser. Lerne: Amphicar-Fahrer schätzen Land und trennendes Wasser nicht nach Straßen, Fähren, Tunneln, Kanälen und Häfen ein, sondern setzten den Kurs nach den richtigen Rampen für die Ein- und Ausfahrt. Wie schnell es jetzt über die Landstraße gehen wird? 120 km/h stehen im Prospekt, aber Harmening lacht nur: „Mehr als hundert fahren wir nie.“ Dann kommt vor der neuerlichen Abfahrt die historische Frage zu diesen besonderen Fahrzeugen: Sind sie besser als Boot oder als Auto zu gebrauchen? Harmening nickt: „Wirklich halb und halb: Da sehen Sie hier heute auch einige, die mit ihren Amphicars auch über den Brenner nach Italien fahren. Wir machen das auch: Aber dann haben wir es hinter unserem Wohnmobil auf einem Hänger.“ (Volker Kölling)

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Veröffentlicht am : 21.10.2017